Auf einen Kaffee mit ...

... Claudia Wittburg

Mama – Ehefrau – Tochter – Schwester – Ratsfrau – SPD-Co-Vorsitzende – Schnellsprecherin - Deichfan - engagiert – ehrgeizig - lebendig – hartnäckig – kreativ - chaotisch

 

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Claudia, du bist 42 Jahre jung, vierfache Mutter, aktiv in der Kommunalpolitik, hast vor 6 Jahren für das Bürgermeisteramt kandidiert – sehr erfolgreich mit 45,6 % Prozent der Stimmen – und, hier schlagen wir den Bogen zur Familienbildung, hast eine Zeit lang zusammen mit deinem Mann samstags das Eltern-Kind-Turnen für uns geleitet.

Wo kommst du ursprünglich her?

Geboren bin ich in Halberstadt. 1995 wurde meine Mutter von der Deutschen Bahn versetzt und wir sind an meinem 15. Geburtstag nach Mainz gezogen. Dort habe ich dann Abi gemacht und ganz solide eine Ausbildung zur Bankkauffrau. Noch eine Weile in meinem Beruf gearbeitet und danach bin ich dann „ausgebüxt“ und habe ein halbes Jahr lang als Zimmermädchen in England gearbeitet. Im Anschluss habe ich dann Medienwirtschaft im Rhein-Main-Gebiet studiert. Deshalb finde ich es immer ein wenig schwierig zu sagen, wo meine Heimat ist.

Seit wann lebst du in Wedel? Und was hat dich nach Wedel gebracht?

Mein Mann kommt aus Wedel. Nach dem Studium war es für uns beide eigentlich egal, wo wir hingehen. Mein erstes Jobangebot kam aus Hamburg, Olli hat zu dem Zeitpunkt noch in Bremen studiert und dann ging es eben für uns in die schönste Stadt der Welt. In Hamburg sind wir dann einige Mal umgezogen: Hasselbrook, Barmbek, Eppendorf und dann, am 1. April 2013 mit dem ersten Kind, nach Wedel, auch wegen der Großeltern.

Warst du schon immer so engagiert?

Ich war relativ oft Klassensprecherin. Bildungsgerechtigkeit war immer ein Thema für mich. Ich habe als Jugendreiseleiter gearbeitet und war im DLRG. Vereinstätigkeit und soziales Engagement finde ich wichtig.

Was hat dich in deiner Kindheit und Jugend geprägt? Hattest du Vorbilder?

Als Kind habe ich Anne Frank gelesen und war auch in Amsterdam in dem Haus, das hat mich total berührt und geprägt. Auch das Thema Atomkrieg hat mich sehr beschäftigt und das Thema Nationalsozialismus. Wie glücklich sind wir, dass wir so etwas nicht durchmachen mussten! Und wie traurig, dass so etwas passiert ist.

Haben sich deine Ansichten und deine Anliegen durch die Kinder und das Elternsein verändert?

Ja, davor war der Job alles, man arbeitet von morgens bis abends, verwirklicht sich da, hat da seine Kollegen und Freunde. So ein Kind verändert den Alltag komplett. Meine Werte haben sich nicht verändert, aber verschoben. Wichtig ist die Familie, dass alle gesund sind, und alles andere kommt dann ganz weit hinten. Ich bin auch zufriedener und glücklicher. Wenn morgens ein Kind zu dir reingekrabbelt kommt – etwas Besseres gibt es ja gar nicht!

Vor 6 Jahren – was war der Auslöser für deine Kandidatur für das Bürgermeisteramt?

Wir zahlten für einen Kita-Platz in Wedel über 800 €, das fand ich schon extrem viel. Bei einer Ausschusssitzung sprach ich den Bürgermeister darauf an. Er ist dann so gar nicht darauf eingegangen, und das hat mich einfach getriggert. Ich wollte Aufmerksamkeit auf das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf lenken. Als ich diesen Gedanken zur Kandidatur gefasst hatte, habe ich erst einmal meinen Mann angerufen, weil ich mir da schon fast ein bisschen größenwahnsinnig vorkam. Aber er fand das direkt gut und unterstützt mich zu 100 % und das bis heute. Und dann hatte ich auch viel Unterstützung von der Elterninitiative, in der ich war und auch von vielen anderen WedlerInnen und meiner Familie.

Hat es dich überrascht, wie erfolgreich du dann gewesen bist?

Es war ja schon damals so eine Wechselstimmung da und ich hatte gehofft, dass durch diesen „Schuss vor den Bug“ etwas reflektiert wird, aber das ist schnell wieder vergangen.

Hast du dir auch in schlaflosen Nächten überlegt: Und was, wenn ich jetzt wirklich Bürgermeisterin werde?

Es hat mich wirklich gereizt und ich habe mich auf die neue Herausforderung gefreut und jede Nacht Mitarbeitergespräche geführt, an Strategien getüftelt und im Netz nach anderen jungen BürgermeisterInnen gesucht, mit denen ich mich austauschen wollte. Insgeheim habe ich aber gewusst, dass es knapp für mich wird. Nach dem Wahlabend gab es eine super Party bei uns zuhause. Mein Mann hat für alle Burger gegrillt, der ganze Druck fiel ab, es wurde viel getrunken, getanzt und gelacht. Und danach haben wir an Kind 3 „gearbeitet“. Also, nicht mehr an dem Abend 😊 Und das war auch immer im Hinterkopf: wir wollten noch mehr Kinder, wie soll das gehen als Bürgermeisterin. Und da ist unser Fokus eben ganz klar die Familie.

War das auch ein Grund, warum du dich bei der letzten Wahl nicht hast aufstellen lassen?

Ich habe mir für Wedel einen Wechsel gewünscht und klar hätte ich es gern auch nochmal probiert. Zumal ich das bei der letzten Wahl auch versprochen hatte. Ich bin aktuell ja wieder frischgebackene Mama und um keinen Preis der Welt möchte ich diese Anfangszeit missen und da bin ich wirklich egoistisch. Zudem habe ich gelernt, dass eben nicht alles am Bürgermeister hängt. Man muss an vielen Stellschrauben drehen, auf Kommunal-, Kreis-, Landes- und Bundesebene. Und hier gebe ich aktuell mein Bestes und möchte auch in Zukunft schauen, wie ich mich einbringen kann.

Können wir denn in 6 Jahren wieder mit deiner Kandidatur rechnen?

Doch, ja, ich bin ja jetzt über 40 und überlege, wie es weiter geht. Ich möchte gut vorbereitet sein und mache ich mich da gerade schlau. Ich versuche ggf. meinen Master zu machen und mich weiterzubilden. Ich bin schon auch ehrgeizig und möchte etwas Sinn Stiftendes machen.  Es bleibt spannend und es gibt noch viele Dinge, die ich ausprobieren möchte.

Du bist dann bei der SPD gelandet, sind auch andere an dich herangetreten?

Ich hatte damals alle Parteien angeschrieben und wollte mich vorstellen. Die einzigen, die mich eingeladen haben, waren die SPD und die FDP, von den anderen wurde ich eher belächelt. Die, die wirklich nett und konstruktiv waren, das war die SPD. Und die SPD Wedel hat mir auch die Möglichkeit gegeben, als Bürgerliches Mitglied ohne Parteizugehörigkeit mitzumachen, das war mir auch erst einmal wichtig. Diese Möglichkeit besteht übrigens auch für jeden anderen Bürger hier in Wedel. Du kannst ohne Parteibuch in einer Fraktion mitmachen, dich einbringen und schnuppern, ob das passt. Und erst nach 1 ½ Jahren bin ich dann für die Kommunalwahl eingetreten, weil ich dann gerne weitermachen und für die Partei und für die Politik, die wir machen, auch ein Aushängeschild sein wollte.

Was wünschst du dir vom neuen Bürgermeister, was erwartest du?

Ich wünsche mir einen anderen Führungsstil, ich wünsche mir transparentes Arbeiten und konstruktives Arbeiten miteinander, kein Ausspielen gegeneinander, und dass das große Ganze gesehen wird, dass jeder Bürger mit einbezogen wird und wir den Weg finden, auf dem die meisten mitgenommen werden können. Ich wünsche mir, dass der Bürgermeister die Menschen, die im Rathaus arbeiten, alle wertschätzt und alle mit ins Boot holt. Ich glaube durchaus, dass das Dreieck Verwaltung- Politik – Bürger funktioniert und viele Gemeinsamkeiten hat.

Wie gewinnt man mehr Menschen für die Kommunalpolitik?

Ich finde Diversität wichtig, dass jeder seinen Blick mit einbringt, dass so viele Persönlichkeiten wie möglich mitgenommen werden können. Ich finde aber, die Struktur der Kommunalpolitik muss optimiert werden, damit das Engagement auch für die Menschen möglich ist, die im Berufsleben stehen oder auch familiär stark eingebunden sind. Es müsste mehr Anreize, mehr Förderung geben, vielleicht durch Steuererleichterungen oder durch Freistellungen vom Arbeitgeber. Ich möchte aber allen Mut machen und motivieren, in der Kommunalpolitik aktiv zu werden: Man trifft Gleichgesinnte, kann sich engagieren, sich mit anderen austauschen und hat schon fast eine andere Art von Familie. Und: Wedel braucht engagierte Menschen, die ihre Stadt aktiv mitgestalten möchten. Meldet euch gern jederzeit bei mir, wenn Interesse besteht: wittburg@spd-wedel.de

Du bist gerade noch in Elternzeit - wann und wie fängst du wieder an zu arbeiten?

Elternzeit beantragt habe ich bis Ende Oktober. Ich war aber vor kurzem auf der OMR in Hamburg, die Messe für Online-Marketing, habe meine alten Kollegen wiedergetroffen und vielleicht starte ich doch etwas früher in meiner alten Agentur.

Was findest du gut in Wedel?

Die Menschen natürlich, diesen Zusammenhalt, die ganzen tollen Spielplätze, das Wasser, den Deich, die Schafe - die machen mich irgendwie happy -, das Vereinsleben und auch die Familienbildung. Ich finde es ganz, ganz wichtig, dass es die Famibi als Anlaufpunkt gibt. Dort vernetzt man sich, lernt Leute kennen. Die Familienbildung ist ja wie ein zweites Zuhause für viele. So etwas bringt eine Stadt eben voran, Vereine und Ehrenamt.

Was fehlt dir in Wedel?

Neben den vielen schönen Dingen die Wedel zu bieten hat gibt es auch einige Themen, die noch Verbesserungspotenzial haben. Allen voran müssen wir im Bereich Mobilität einiges tun. Wenn wir zum Ziel haben, Wedel irgendwann nachhaltig aufzustellen, sind neue, aber ganzheitliche Ideen in der Mobilität gefragt. Ich finde, es braucht eine integrative Betrachtung von ÖPNV, Car-Sharing und Fahrrad-/ oder E-Bike Stationen. Auch eine Neugestaltung des Bahnhofs könnte dabei mitbetrachtet werden. Mein Traum wäre, dass es für eine Familie mit Kindern möglich wird, auch ohne Auto in Wedel gut zurecht zu kommen. Dabei sollten wir nicht nur die Gegenwart im Blick haben, sondern uns auf die Zukunft konzentrieren. Hier können wir von skandinavischen Städten einiges lernen.

Weiterhin fehlen mir in Wedel Orte, wo Menschen zusammenkommen können. Das kann ein  Biergarten sein oder ein Kinder-Café. Viele Menschen arbeiten künftig vermehrt von zuhause, da wird der Austausch mit anderen mehr Bedeutung gewinnen. Dafür müssen wir rechtzeitig die entsprechenden Räume schaffen, um den WedelerInnen eine gute Lebensqualität zu ermöglichen.

Du bist Mutter von vier Kindern, was hilft dir, den Alltag deiner Großfamilie zu managen?

Ich habe echt supercoole Kinder, die schon so selbständig sind. Mein Mann und ich teilen uns das gut auf. Und die Großeltern helfen viel aus.

Wie alt sind deine Kinder?

(überlegt und rechnet) 10, 7, 4 Jahre und 8 Monate.

Das wichtigste sind die Kinder, die sind gesund - toi, toi, toi - die unterstützen mich und finden auch gut, was ich mache. Und natürlich mein Mann, der mich total unterstützt, Omas, Opas und ein gutes Babysitternetzwerk. Das passt auch noch mal zum Thema Kommunalpolitik: Man kann die Babysittereinsätze dokumentieren und bekommt dann den Betrag wieder. Und natürlich Technik, wir haben diese App „TimeTree“, alle können dort die Familientermine eintragen, dann kommt man nicht durch den Tüddel.

Was haben deine Kinder dich gelehrt?

Liebe in jeglicher Form und Demut

Gibt es ein denkwürdiges Erlebnis mit deinen Kindern, das du mit uns teilen würdest?

Eigentlich jede Geburt. Es ist jedes Mal wirklich ein Wunder, das Wunder des Lebens, das ist das persönlichste, intimste, beste Erlebnis, das man haben kann.

Die berühmte Fee erfüllt dir drei Wünsche – was wünschst du dir?

Da habe ich eigentlich nur einen Wunsch: Nie wieder Krieg. Um es mit Willy Brandt zu sagen: „Frieden ist nicht alles, ohne Frieden ist alles nichts“. Das ist das, was ich am wichtigsten finde, auch für unsere Kinder.

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